Wie sehr einem die Weißwurst fehlen kann…

Viele Semester lang gab es an unserer Hochschule eine Tradition:

Am Donnerstag in der Prüfungswoche bereitete die Fachschaft Theologie ein Weißwurstfrühstück für alle Theo-Studenten und Dozenten vor, um so das Semester gemeinsam ausklingen zu lassen. Egal ob vor oder nach der Prüfung, ob mit Weißwurst oder Brezel, ob Fachschaft oder Theo-Normal-Student – jeder konnte vorbeikommen um das Semester Revue passieren zu lassen, sich über die furchtbar komplizierte Prüfung zu beschweren, sich auszuweinen über schlechte Noten oder sich die Angst nehmen zu lassen vor dem, was noch bevor stand.

Ja, das Weißwurstfrühstück war mehr als nur eine Mahlzeit. Doch die vielen Umstrukturierungsphasen der letzten Semester, die Höhen und Tiefen durch welche die Fachschaft gehen musste, führten dazu, dass das Weißwurstfrühstück abgeschafft wurde. Man mag es kaum glauben, aber irgendwas fehlt jetzt. Es gab irgendwie kein richtiges Ende.

Ich konnte mich nicht mit den Studenten freuen, die trotz anfänglicher Panikattacken mit guten Noten aus den mündlichen Prüfungen kamen. Ich konnte denen, die bald ihre Exegese schreiben, keine Tipps geben. Ich konnte nicht privat mit den Dozenten zusammensitzen und von den neuesten Neuigkeiten aus meinem Leben berichten. Ich konnte nicht mit denen leiden, die durch eine wichtige Prüfung gefallen sind und jetzt vielleicht das Studium aufgeben müssen. Ich konnte nicht Abschied nehmen von denen, die nur noch die Examensprüfungen vor sich haben und dann vielleicht für immer aus meinem Leben verschwinden.

Keiner hätte je gedacht, dass ein Weißwurstfrühstück so wichtig sein kann. Den Mitgliedern der Fachschaft kann nur vollstes Verständnis entgegengebracht werden. Keiner von uns musste jemals neben seinen oder ihren Prüfungen noch ein gemeinsames Essen für so viele Personen vorbereiten. Doch die Hoffnung auf einen gemeinsamen Semesterabschluss in den kommenden Semestern mag ich trotzdem noch nicht aufgeben. Alte Traditionen müssen manchmal abgelegt werden um etwas neues auszuprobieren. Und so wie die Theo-Erdbeerbowle die Theo-Reispfanne beim Sommerfest der Hochschule mehr als erfolgreich abgelöst hat, glaube ich, dass es eines Tages auch für das Theo-Weißwurstfrühstück einen mehr als würdigen Nachfolger gibt.

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Nächstenliebe im Hochschulalltag

Wer die katholischen und evangelischen Dozierenden unserer Hochschule kennt, der weiß, wie engagiert sie sich für ihre Studierenden einsetzen. Das gilt natürlich auch für viele Dozierende anderer Fächer. Dennoch möchte ich nun über etwas berichten, das mir diese speziellen Menschen neu in Erinnerung gerufen haben.

Das Wort Nächstenliebe wird in unseren Kreisen ziemlich häufig gebraucht. Wer auch nur ein Mensch ist – so wie ich – dem ist klar, dass es nicht nur schwer, sondern beinahe unmöglich ist, jeden Menschen zu lieben. Vielleicht ist unser deutscher Wortschatz auch einfach zu begrenzt, sodass wir die Bedeutung von Nächstenliebe nur bedingt fassen können. Das allein macht die Umsetzung in der Realität oft schwierig.

In Markus 12,28ff lesen wir vom Doppelgebot der Liebe:

28 Einer der Schriftgelehrten hatte diesem Streitgespräch zugehört und gesehen, wie gut Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Nun trat er näher und fragte ihn: »Welches ist das wichtigste von allen Geboten?« 29 Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. 30 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!‹ 31 An zweiter Stelle steht das Gebot: ›Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst!‹ Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

Im griechischen Urtext findet man anstelle unseres Wortes „Liebe“ das Wort Agape. Um es mit einfachen Worten (aus Wikipedia und Wiktionary) auszudrücken: Agape ist die reine, selbstlose, uneigennützige und von Gott inspirierte Liebe.

Ein ziemlicher Knaller, wenn ihr mich fragt. Ich kann meine Freunde und Familie kaum in dieser Form lieben. Besonders bei Freunden ist die Liebe oft von Gegenseitigkeit abhängig. Wie genau soll ich das dann für Bekannte, Nachbarn oder völlig Fremde umsetzen?

Und genau an dieser Stelle fallen mir wieder unsere Dozierenden ein. Obwohl wir uns als Studierende häufig unangemessen verhalten, sei es durch Unaufmerksamkeit in den Seminaren, durch negative Gedanken oder Reden über sie oder andere respektlose Verhaltensweisen, beweisen sie uns immer wieder, Tag für Tag, Semester für Semester, die pure Nächstenliebe. Es könnte ihnen völlig egal sein, wie wir in den Prüfungen abschneiden. Sie könnten einfach einen Vortrag halten und dann wieder abziehen ohne auf unsere Fragen einzugehen. Stattdessen nehmen sie sich Zeit für uns, versuchen unsere Fragen zu beantworten, uns bei der Studienplanung zu helfen, beschenken uns mit Kleinigkeiten (nicht zur Erpressung, sondern um uns eine Freude zu machen), bieten sogar ihre Hilfe in anderen Bereichen des Studiums an (für die sie absolut nicht zuständig wären)… und das alles, ohne etwas zurückzubekommen.

Möglicherweise ist auch das noch nicht die reinste und selbstloseste Form der Agape. Wir werden sie in unserer emotionalen und physischen Begrenztheit auch nie erreichen. Aber schon der Fakt, dass es Menschen gibt, die einen Bruchteil dieser Liebe in sich tragen und an andere Menschen weitergeben, die sie eigentlich nicht näher kennen, lässt mich stark hoffen.

Warum mir das so wichtig ist? Der Studienalltag kann durchaus stressig sein. So schön wie das Studentenleben ist: Prüfungen, Abgabetermine und Leistungsnachweise können Studierende unter Umständen an Grenzen bringen. Diese gelebte Nächstenliebe ändert zwar nichts an den Umständen, sie kann aber die Ängste und den Stress in unseren Köpfen erträglicher machen.

The ultimate goal…

Anschläge, Tod, Gewalt, Waffen, Hass – Wörter die wir nicht unbedingt unserer westlichen, modernen, zivilisierten Gesellschaft zuordnen würden. Die Gefahr kommt von Außen. Von Anderen. Von(m) Fremden. Wir schotten uns ab, gehen nicht auf Menschen zu, schauen sie nicht an, vermuten gefährliche Machenschaften.

Ein Mann ließ letzte Woche seine große Tasche am Bahnsteig stehen und ging ins Bahnhofsgebäude weiter. Ich überlegte mir misstrauisch was das jetzt ist – und lief im Eilschritt davon während ich darüber nachdachte ob ich die Polizei rufen soll. Vom anderen Ende des Bahnsteigs sah ich kurz darauf, dass der Mann zurück kam. Mit einer Brezel in der Hand.

Die Frage ist: Wie gehe ich um mit diesem Misstrauen? Mit dieser Angst vor dem Anderen, ausgelöst durch Unkenntnis? Mit dieser Fremden Gefahr… Die Antwort vieler Deutscher ist heute in den Wahlergebnissen zu finden. Das Spektrum vieler verängstiger Wähler reicht von Konservativ zu Extrem. Flüchtlinge raus, Merkel weg, der Islam gehört nicht zu Deutschland – aber traditionell sind wir schon. Christliche Werte – OK.

Eine Aufgabe, die jedes Mal in der Reli-Klausur der Oberstufe vorkam, war:  Wenn dich deine neunjährige Schwester fragen würde was […] ist, wie würdest du ihr das erklären? Wenn also Versuchen auf diese Art und Weise, die Frage zu beantworten, die zentral ist für unseren christlichen Glauben: „Was ist die zentrale Botschaft Jesu?“, könnten wir an unserem Verhalten eventuell einiges zu kritisieren finden.

Kurz und knapp lässt sich das auf zwei Begriffe komprimieren: Gottesliebe und Feindesliebe. Offensichtlich würde das meine kleine Schwester eher weniger verstehen. Wenn ich ihr nun erklären würde, dass Jesus von uns nicht wollte, dass wir uns an alles ganz genau halten was in der Bibel steht, sondern dass ihm vor allem wichtig war, dass wir auch die Menschen lieb haben, die manchmal auch nicht so nett zu uns sind, vielleicht schon eher. Auch dass wir dabei Gott nicht vergessen sollten, für den alle Menschen und Tiere gleich wichtig sind, weil er ja alle Lebewesen geschaffen hat, würde sie mit Sicherheit nachvollziehen können. Und Jesus als der der alle Menschen liebt, egal wie sie sind und woher sie kommen, auch das versteht sie. Die Frage ist nur, warum können das so viele Christinnen und Christen in unsere heutigen Gesellschaft nicht? Menschen, die die Bibel eingehend gelesen haben und wissen was darin steht? Menschen die meinen, dass wir, weil es heißt „Kehrt um [wörtlich eigentlich denkt um] und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15), Menschen mit anderem Glauben verstoßen und in ihrer Not nicht helfen sollen  – und uns vor einer ‚Islamisierung Deutschlands‘ schützen?

Bildergebnis für jesus ok where have I lost you

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Was heißt es nun umzudenken und an das Evangelium, die Frohe Botschaft Jesu zu glauben? Jesus setzt sich ein für Ausgestoßene, für Marginalisierte, für Menschen am Rande der Gesellschaft. Jesus, unser Weg zu Gott, soll unser Vorbild sein – und nicht nur das. Wie eine Freundin vor kurzem zu mir sagte, als ich mich wunderte weshalb sie alle Menschen begrüßte als wären sie ihre Totgeglaubten und wiedergefundenen Geschwister: „In jedem Menschen kann uns Jesus begegnen“. Und sie hat recht. Unsere Prüfung muss nicht der Bettler sein, der an unserer Haustüre klingelt. Was wir tun sollten, ist jedem Menschen Liebe zu geben – egal wer er ist. Aber auch zu verzeihen und neue Chancen zu geben, nicht zu Pauschalisieren und alle in einen Topf zu stecken. Gerade im gegenwärtigen Klima ist das so wichtig, denn Hass schürt Hass. Aus Bösem kommt Böses. Und Tod führt zu Tod.

Menschen zu bekämpfen und auszustoßen, die nichts für den Kultur-, Religions- oder Sprachkreis können, aus dem sie kommen – Menschen die zufällig in einem anderen Blumentopf geboren wurden als wir zarten Pflänzchen, die wir zu Mitgliedern einer der reichsten Nationen der Welt gehören – davon haben wir nichts. Davon verschwindet weder Terrorismus noch Angst noch Tod aus unserem Leben. Es gibt nur immer mehr davon. Um ein tragisches Beispiel dieses Jahrhunderts zu wählen: Was wäre wohl passiert, wenn wir anstatt die ‚Achse des Bösen‘ mit Waffengewalt zu bekämpfen an den Problemen der MENSCHEN angesetzt hätten und versucht hätten sie darin zu unterstützen ihre Situation zu verbessern?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Gutes zurück kommt, wenn man Gutes in die Welt gibt. Vielleicht nicht heute oder morgen, vielleicht auch nicht an uns direkt. Aber irgendwie wird sich irgendwo etwas verändern und vielleicht sind wir der Ausschlag dafür.

ÜBRIGENS: Bald geht das neue Semester los! Ab dann findet ihr wieder jede Woche das neue „Meme der Woche“ an der Türe des Theo-Tuts.

„Du studierst doch Arbeitslosigkeit!“

„Du studierst doch Arbeitslosigkeit“ – das ist ein Satz der kurz und bündig zusammenfasst, was mir in der Auseinandersetzung mit Menschen immer wieder begegnet, wenn ich von meinem Studienfach erzähle. Egal ob es innerhalb der Familie, in Unterhaltung mit Fremden Menschen auf Campingplätzen oder mit Kommilitonen ist, für die Theologie nicht einmal Wert ist Wissenschaft genannt zu werden.

Die spannendere Frage ist aber eher, wie man mit solchen Aussagen umgehen sollte. Manchmal habe ich ehrlich gesagt garkeine Lust mich mit Menschen auseinanderzusetzen, die sich nichteinmal bemühen einen anderen Standpunkt als den ihren verstehen zu wollen.

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Ein Beispiel (besagter Diskussionspartner auf dem Campingplatz, 20 Jahre alt, Metzger von Beruf): Als ich gefragt wurde, was ich denn studieren würde und im Anschluss nur die Aussage kam „so ein Quatsch, das ist doch sinnlos,…“ (und ähnliches), fragte ich ihn warum er das den denken würde. Darauf konnte er mir leider keine sinnvolle Antwort geben. Auf meine Frage, was er denn denke wie ein Theologiestudium aussehen würde, meinte er „Ihr macht doch den ganzen Tag nichts“ „Du denkst wir sitzen nur rum und machen garnichts?“ „Ja“ – an dieser Stelle habe ich  mich dann tatsächlich dem nichts tun hingegeben und damit war die Diskussion für mich auch beendet.

Natürlich verhält sich nicht jeder Gesprächspartner so. Viele sind interessiert und es kommen spannende Unterhaltungen zustande – über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne der Redewendung). Das geht allerdings nur, wenn beide Seiten auch offen dafür sind. Mir begegnen ehrlich gesagt öfters Atheisten die mich missionieren wollen, als ich jemals missionierende Christen erlebt habe. Egal aus welcher Richtung kann mit einem Menschen mit fundamentalistischer Position keine sinnvolle Auseinandersetzung entstehen. Das ist in vielen Momenten natürlich schade.

Wenn man hingegen auf jemanden trifft der einem begeistert zuhört und dessen Meinung auch begründet, reflektiert und nachvollziehbar ist, ist ein spannender Erkenntnisaustausch garantiert und man kann oft seine eigene Position von einer Außenperspektive betrachtet wahrnehmen, die einem vorher garnicht zugänglich war. Deshalb ist interreligiöser Dialog zwischen ‚atheistisch Gläubigen‘ und ‚religiös Gläubigen‘ oft noch spannender als nur zwischen den Religionen, da die Standpunkte meist noch grundverschiedener sind. Doch aus diesen Unterhaltungen kann fast nur Gutes entstehen.