Onlineutopie

Vor kurzem habe ich online einen post gelesen, indem jemand folgende Frage stellte: „Wenn es ein Ding auf der Welt gäbe, das ihr abschaffen könntet, welches wäre es? Meins wäre Religion.“

Diese Person hätte tausend Dinge nennen können. Gewalt zum Beispiel… oder Hass, Wut, Ärger, Trauer, Schmerz, Neid, Egoismus den Tod. Aber sie hat sich ausgerechnet für die Religion entschieden. Natürlich ist das irgendwie verständlich im Zusammenhang mit all der Gewalt die momentan im Name von Religion ausgeübt wird – heute ist es der IS unter dem Deckmantel des Islam, vor einigen hundert Jahren waren es die Kreuzzüge mit der Berufung auf den Wunsch des christlichen Gottes. Die wichtige Frage ist aber: wenn es tatsächlich einen Gott gibt, der allmächtig ist und der alles geschaffen hat was auf dieser Erde kreucht und fleucht (wovon ich persönlich ausgehe), warum sollte er dann einem kleinen Völkchen oder Grüppchen die ultimative Wahrheit, das ultimative Auserwähltsein und den einzigartigen Auftrag geben, alle anderen zu bekehren oder umzubringen?

Und noch ein anderer Punkt: die Religionen, die heute auf der Erde vorherrschen sind nicht der Grund  für Gewalt – sie sind die schlechte Begründung dafür. Das Christentum proklamiert zwei Dinge, die Jesus auf den Punkt bringt: Gottesliebe (aka Monotheismus) und Nächstenliebe (ja sogar Feindesliebe). Das Judentum hat mit dem Christentum das Alte Testament gemein und auch hier finden sich (vor allem durch die ProphetInnen vertreten) dieselben zwei Forderungen. Die Glaubensgrundlagen des Islam beinhalten unter anderem das Glaubensbekenntnis (mit dem Bekenntnis zu dem EINEN Gott), das Fasten, bei dem man sich durch den Verzicht auch daran erinnern soll, wie gut man es hat und das Almosengeben. Auch der Buddhismus (um nicht nur die uns geläufigen Religionen zu nennen) beschäftigt sich damit, das Leiden auf der Welt zu überwinden. Also – worin liegt hier die Gewalt? mit Sicherheit herrscht in jedem der drei schriftlichen Glaubensgrundlagen der Buchreligionen ein inhärentes Gewaltpotenzial. Die Frage ist nur wie wir damit umgehen. Sehen wir darin ein unter den jeweiligen Zeitumständen geschriebenes Dokument – Gotteswort in Menschenwort – oder suchen wir uns selektiv diejenigen Bibel/Koran/Tora-Stellen heraus, die uns gerade Recht sind und unserem Zweck dienen?

Man kann im Christentum das eine Verhalten mit einer Bibelstelle belegen und das gegenteilige Verhalten mit einer anderen. Und auch wenn  ich kein versierter Islamexperte bin weiß ich doch, dass es an der einen Stelle im Koran (an Christen und Juden gewendet) heißt: unser Gott und euer Gott ist einer – an einer anderen jedoch, man solle alle Ungläubigen töten. Wenn wir uns aber nun nicht zu 100% auf unser schriftliches Glaubenszeugnis verlassen können, worauf dann? Meine Antwort darauf wäre, sich immer die Frage zu stellen, ob unser Verhalten näher hin zu Gemeinschaft und gutem Miteinander führt oder eben weg davon. Wenn es zweiteres ist, kann ich persönlich nicht Glauben, dass das der Wille Gottes sein kann. Wenn der eine Gott ein gerechter Gott ist, würde er nicht wollen, dass wir uns gegenseitig verletzen oder gar umbringen. Wenn es ein liebender Gott ist, würde er von uns verlangen, unser bestes für Frieden, Harmonie und Solidarität zu geben. In diesem Fall ist dann Religion auch nicht der Grund für schlimme Dinge auf der Welt, sondern für das Gute – das wofür unsere ProphetInnen gekämpft haben: Gerechtigkeit.

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„Du studierst doch Arbeitslosigkeit!“

„Du studierst doch Arbeitslosigkeit“ – das ist ein Satz der kurz und bündig zusammenfasst, was mir in der Auseinandersetzung mit Menschen immer wieder begegnet, wenn ich von meinem Studienfach erzähle. Egal ob es innerhalb der Familie, in Unterhaltung mit Fremden Menschen auf Campingplätzen oder mit Kommilitonen ist, für die Theologie nicht einmal Wert ist Wissenschaft genannt zu werden.

Die spannendere Frage ist aber eher, wie man mit solchen Aussagen umgehen sollte. Manchmal habe ich ehrlich gesagt garkeine Lust mich mit Menschen auseinanderzusetzen, die sich nichteinmal bemühen einen anderen Standpunkt als den ihren verstehen zu wollen.

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Ein Beispiel (besagter Diskussionspartner auf dem Campingplatz, 20 Jahre alt, Metzger von Beruf): Als ich gefragt wurde, was ich denn studieren würde und im Anschluss nur die Aussage kam „so ein Quatsch, das ist doch sinnlos,…“ (und ähnliches), fragte ich ihn warum er das den denken würde. Darauf konnte er mir leider keine sinnvolle Antwort geben. Auf meine Frage, was er denn denke wie ein Theologiestudium aussehen würde, meinte er „Ihr macht doch den ganzen Tag nichts“ „Du denkst wir sitzen nur rum und machen garnichts?“ „Ja“ – an dieser Stelle habe ich  mich dann tatsächlich dem nichts tun hingegeben und damit war die Diskussion für mich auch beendet.

Natürlich verhält sich nicht jeder Gesprächspartner so. Viele sind interessiert und es kommen spannende Unterhaltungen zustande – über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne der Redewendung). Das geht allerdings nur, wenn beide Seiten auch offen dafür sind. Mir begegnen ehrlich gesagt öfters Atheisten die mich missionieren wollen, als ich jemals missionierende Christen erlebt habe. Egal aus welcher Richtung kann mit einem Menschen mit fundamentalistischer Position keine sinnvolle Auseinandersetzung entstehen. Das ist in vielen Momenten natürlich schade.

Wenn man hingegen auf jemanden trifft der einem begeistert zuhört und dessen Meinung auch begründet, reflektiert und nachvollziehbar ist, ist ein spannender Erkenntnisaustausch garantiert und man kann oft seine eigene Position von einer Außenperspektive betrachtet wahrnehmen, die einem vorher garnicht zugänglich war. Deshalb ist interreligiöser Dialog zwischen ‚atheistisch Gläubigen‘ und ‚religiös Gläubigen‘ oft noch spannender als nur zwischen den Religionen, da die Standpunkte meist noch grundverschiedener sind. Doch aus diesen Unterhaltungen kann fast nur Gutes entstehen.

Interessiert sich Gott eigentlich für Fußball?

Bildergebnis für beten fußball em (http://www.br.de/nachrichten/fussball-em-arbeitsrecht-100.html)

Fußball EM 2016, der Weltmeister Deutschland stand auf dem Prüfstand. Mehr als jede(r) Dritte Deutsche schaute sich die Spiele im TV an. Es wurde geschrien und geschimpft, gejubelt und geweint. In den Stadien noch mehr als auf dem Sofa.

Letzten Samstag gab es das Zitterspiel: Deutschland gegen Italien, unseren Angstgegner. 28 Millionen Deutsche haben das Spiel zu Hause verfolgt. Spätestens beim Elfmeterschießen saß mit Sicherheit die Hälfte davon vor dem Fernseher und hat gesagt „Bitte, bitte bitte“, und das unabhängig vom Glauben, bestimmt auch bei Nichtgläubigen.

Jedenfalls bekam ich nach dem Spiel die Nachricht einer Freundin, dass sie für den Sieg Deutschlands gebetet habe, bis ihr eingefallen sei, dass die Italiener ja besonders gläubig seien und diese sicher auch sehr viel gebetet hätten. Doch was bedeutet das denn für das Spiel? Gewinnt am Ende die Mannschaft, bei denen die Meisten Fans dafür gebetet haben? Interessiert sich Gott überhaupt für Fußball? Und falls ja, für wen ist er eigentlich?

In dieser Überlegung spiegelt sich die Frage wieder, was denn der Sinn vom Beten ist. Ist es der Versuch über Gott zu verfügen? Zum Beispiel, ein Kind: „Lieber Gott, mach dass der Lehrer mir eine gute Note gibt.“ Gebe ich im Gebet Gott einen Arbeitsauftrag, eine Anweisung? Kann ich sauer auf ihn sein, wenn er mir meine Wünsche nicht erfüllt? Wenn ich mir etwas wünsche und jemand anders das Gegenteil, auf wen hört Gott dann? Und warum hört er nicht auf die Gebete aller Menschen?